ubran bacher

Auf Nachfrage hat uns freundlicherweise Prof. Dr. Urban Bacher, Vorsitzender des Freundeskreis der historischen Bürgerwehren, Bürgermilizen und Stadtgarden in Baden-Württemberg, seine letzte Kolumne aus dem "Bürger im Bunten Rock" zur Veröffentlichung auf unserer Seite zur Verfügung gestellt.

Das
Mitteilungsblatt für die historischen Bürgerwehren, Bürgermilizen und Stadtgarden in Baden-Württemberg "Bürger im Bunten Rock" kann über den Freundeskreis bezogen werden (Kontakt über den jeweiligen Kommandanten).


buro

Hierfür ein kameradschaftliches "Dankeschön" von der Hist. Bürgerwache Ehingen (Donau) e.V.


Bürgerwehren verteidigen auch die Demokratie, auch das macht uns so wertvoll

 

Christen feiern in der Weihnachtszeit ein ganz besonderes Geheimnis. In dieser Zeit geschehen immer wieder kleine Wunder. In meiner Heimatstadt Mengen wurde vor 88 Jahren eine Frau geboren, die kurz vor Weihnachten ohne nähere Verwandten verstarb. Tief verwurzelt im Glauben lebte und arbeitete sie ihr ganzes Leben inmitten der Stadt, direkt an der ehemaligen Stadtmauer. Mit Freude begleitete sie die Prozessionen zum Maifest und zu Fronleichnam. Ihr Stolz war die Bürgerwache, der sie ihr Erbe vermachte. Bis zu ihrem Tod war dieser Entschluss ihr ganz persönliches Geheimnis. Mit keinem Kameraden der Wehr hatte sie ein enges Verhältnis, trotzdem war es auch ihre Wehr. Mir zeigt dies deutlich, welche Faszination eine Bürgerwehr und ihr Bekennt­nis zur Heimat und zum Glauben und ihr Zeremoniell auslösen können. Die Bürgerwache hat ihr Herz berührt und war für sie eine wichtige Säule in ihrem Leben. Ein schönes Gefühl und was für ein Geschenk zu Weih­nachten. Eine großartige Entscheidung traf diese Frau, die zum Nach­ahmen ermutigt!

2019 war ein geschichtsträchtiges Jahr. Der erste Weltkrieg fand vor 100 Jahren sein Ende und dieses Ende war der Beginn einer Initiative für die Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Der Volksbund, wie die Organisation auch kurz genannt wird, gedenkt jedes Jahr am Volks­trauertag der verstorbenen Kameraden. Bürgerwehren kennen das und rücken an diesem Tag aus. Zentral ist an diesem Tag auch der Wunsch nach Versöhnung unter den Menschen und den Völkern. Echte Versöhnung beginnt dann, wenn eigenes und anderes Versagen erkannt, Unrecht und Schuld benannt und auch das Leid der anderen anerkannt wird. Diese Erkenntnis kann Frieden ermöglichen – mit sich selbst und gegenüber anderen. Leider hat es vor einhundert Jahren nicht zum Frieden gereicht. Die goldenen Zwanziger mündeten in eine Weltwirtschaftskrise, die bei uns in eine Nazi-Diktatur führte. Die Begeisterung um ein großdeutsches Reich führte 1939 – vor 80 Jahren – zum Zweiten Welt­krieg.

In der NS-Zeit diente die Deutsche Marschmusik zu aller erst dem Regime und dessen Erhöhung. Großartige Aufmärsche wurden inszeniert, doch mitten im Krieg ließ man die Musik und deren Spielleute und Musiker fallen. 1944 – also vor 75 Jahren – wurden fast alle Musikkorps und Spielmannszüge aufgelöst und die Kameraden an die Front geschickt. Dem grandiosen Aufstieg der Marschmusik folgte ein jäher Abstieg.

Heute wissen wir, dass das Regime und der Krieg insgesamt viel Leid und Unrecht mit sich brachten. Einige Offiziere konnten die Wertvorstellungen und die Propaganda sowie das vorherrschende Unrecht nicht mehr ertragen. Es formierte sich ein Widerstand, der am 20. Juli 1944 scheiterte. Stauffenberg und drei seiner Mitstreiter wurde noch am Tag des Atten­tats spätnachts hingerichtet. Das zeigt: Freiheit braucht Mut und kann auch große Opfer verlangen. Hass und Propaganda, Lüge und schiefe Gedanken dürfen nicht geduldet werden. General Schneiderhan, Präsident des Volks­bundes und der Stauffenberg-Gesell­schaft warnt zurecht, dass heute solche Situationen nicht mehr entstehen dürfen. Schnei­derhan sagt: „Krieg und Diktaturen kommen nie über Nacht. Sie werden gemacht und sind das Ergebnis eines Prozesses, der mit Herabwür­di­gungen anderer beginnt und mit einer besonderen Rhetorik in ein Denkschema führt, in dem es vermeintlich nur noch eine Lösung ohne Kompromisse gibt. Die Freiheit der Gedan­ken und des Wortes zählen nicht mehr. Frei nach Brecht könne man das wie folgt fassen: Glücklich ist ein Land, in dem es Helden wie Stauffenberg gibt. Noch viel glücklicher ist ein Land, das solche Helden gar nicht nötig hat.“

Bürgerwehren waren nie aggressiv, sondern wirkten immer nur beschützend. Ihr recht­liches Fundament war ein demokratisches Stadtparlament und dessen Beschlüsse. Bürgerwehren sind ein Abbild der ganzen Gemeinde – damals wie heute. In erster Linie verteidigten Bür­gerwehren ihr Zuhause und die Freiheiten der Menschen, die es damals nur in der Stadt und in der kommunalen Gemeinschaft gab. Bürgerwehren waren damit Garant der Demo­kratie der ersten Stufe. Auch das macht uns so wertvoll und verdient höchste politische Anerkennung, die ich von einigen Parteien schmerzhaft vermisse, gerade von den Grünen.

Ich wünsche mir, dass wir nicht müde werden, diese besondere Kraft für das Gemeinwesen zum Klingen zu bringen. Jedes Mal, wenn der Präsentiermarsch ertönt oder die Locke zum gemeinsamen Musizieren auffordert und infolge die Formation im Bunten Rock sich be­wegt, darf man sich zurecht besonders freuen. Vielen unserer Kameraden ist die Freude an der Bewahrung der Heimat und des Glaubens geradezu ins Gesicht geschrieben. Das ist ein gutes Zeichen. Für das Jahr 2020 wünsche ich allen Kameradinnen und Kameraden viel Freude, tolle Begegnungen und Gottes Segen, damit diese Zwanziger Jahre golden werden und frei von großen Krisen sind und lange Frieden bringen. Möge unsere Freude am Aus­rücken auf die Gesellschaft überspringen, so wie es im Stillen bei unserer Mengener Bürgerin passiert ist.

Urban Bacher, Vorsitzender